Hofmann – Loslassen, keine einfache Sache

31. Oktober 2018 Redaktion 0 Comments

| Neue Meister – Jan-Henner Reitze – Leichtathletik.de – Foto: © Gladys Chai von der Laage

Viele neue, junge Gesichter haben bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg ihren ersten nationalen Titel bei den Erwachsenen geholt. Aber auch schon bekanntere Namen werden in der Serie auf leichtathletik.de diesmal vorgestellt, sogar ein Diamond League-Sieger. Der kommt heute dran: Speerwerfer Andreas Hofmann.

 

Andreas Hofmann
MTG Mannheim

Jahrgang 1991
1,95 Meter

Speerwurf

Bestleistung: 92,06 Meter (2018)

Erfolge:

EM-Silber 2018
WM-Sechster 2015
WM-Achter 2017
Universiade-Silber 2017
U20-Europameister 2009
Deutscher Meister 2018

Sein Bizeps ist beeindruckend, seine Saisonbilanz von Erfolgen gekrönt, die Aussicht auf weitere starke Jahre bestens. Neben sportlichen Superlativen gibt es noch etwas, das Andreas Hofmann auszeichnet und jedem auffällt, der mit ihm zu tun hat. Er ist einfach immer bestens gelaunt. Selbst wenn es leistungsmäßig mal nicht so läuft, der 26-Jährige hat immer ein Lächeln auf den Lippen, Unfreundlichkeit ist für ihn ein Fremdwort. Eine wertvolle Eigenschaft, für ihn selbst, sein Umfeld und über den Sport hinaus. In diesem Sommer hat sich sein Lächeln immer wieder zu einem breiten Grinsen ausgeweitet.

Hinter seinem Traumjahr 2018 steckt eine Erkenntnis vom Ende der Vorsaison 2017. Nach Jahren der harten Arbeit und des Kampfes um seine Karriere hatte der Speerwerfer endlich ein Spitzen-Niveau erreicht. Um die entsprechende Leistung im richtigen Moment freizusetzen, war allerdings ein Umdenken erforderlich.

Nicht mehr nur hartnäckiger Trainingsfleiß, unbändiger Wille und der Hang zum Perfektionismus waren gefragt, sondern vielmehr Gelassenheit, Vertrauen in die eigene Stärke und auch mal der ein oder andere trainingsfreie Tag, an dem der Körper Kräfte sammeln kann.

Schlüsselerlebnis in Taipeh

Nach einer eher frustrierenden WM 2017 in London (Großbritannien), bei der Andreas Hofmann so viel drauf hatte und trotz gefühlten 110 Prozent Hingabe mit 83,98 Metern „nur“ Rang acht erreichte, ließ er ein bisschen mehr „Laissez faire“ zu. Mit der Universiade stand zwei Wochen später der Saisonabschluss an, bei dem der Spaß im Mittelpunkt stehen sollte.

Trainiert wurde in der Zwischenzeit kaum, stattdessen saugte der Student der Sportwissenschaften die Atmosphäre in Taiwans Hauptstadt Taipeh auf und dachte nicht ständig nur ans Speerwerfen. Wettkampf-Resultat dieses „Loslassens“: Mit 91,07 Metern und Silber übertraf der Mannheimer erstmals die 90-Meter-Marke und überraschte sich selbst. Die Lockerheit, die bei der WM noch fehlte, hat seine komplette Leistungsfähigkeit zu Tage getragen. Ein Wendepunkt.

Saison im Weitenrausch

Diese Einstellung nahm Andreas Hofmann mit ins Jahr 2018 und siehe da, der nächste Leistungsschub stellte sich ein. Es war eine Saison voller Höhepunkte: Sieg beim Diamond League-Finale in Zürich (Schweiz), Silber bei der Heim-EM in Berlin, der erste deutsche Meistertitel und acht Wettkämpfe mit Weiten jenseits der 88 Meter, vier davon über 90 Meter. Mit der neuen Bestleistung von 92,06 Metern aus Offenburg ist der 1,95-Meter-Mann jetzt schon Achter der ewigen Weltbestenliste in seiner Disziplin.

Bei den aktuellen Verwöhn-Weiten des gesamten DLV-Speerwurf-Teams der Männer ist es schwierig, die hohe Qualität dieser Leistung zu verdeutlichen. Vielleicht hilft dieser Vergleich: Der heutige Bundestrainer und frühere 90-Meter-Werfer Boris Obergföll hat seine gesamte zehnjährige Karriere in der Weltklasse gebraucht, um eine ähnliche Zahl von Wettkämpfen mit Weiten jenseits der 88 Meter anzuhäufen.

Wie überwältigt Andreas Hofmann von seiner Saison war, zeigte sich bei der EM. Als er seine erste Medaille bei einer großen Meisterschaft sicher hatte, wurden die Arme zitterig. Nach dem Wettkampf hatte er Freudentränen in den Augen. Nebensache, dass an diesem Abend vielleicht sogar noch mehr möglich gewesen wäre.

Geduld gefragt

Dass es die Fähigkeit auch einmal loszulassen war, die Andreas Hofmann aus dem Kreis der Top Ten der Welt noch eine Stufe höher in den Bereich der Titelanwärter bei Großereignissen gebracht hat, mag banal klingen. Wenn man seinen Karriereweg bis dorthin anschaut, wird aber deutlich, welche Umstellung dafür nötig war. Denn lange waren es vor allem Durchhaltevermögen und Schweiß, die ihn voranbrachten.

In seiner Kindheit auch von Fußball begeistert begann der gebürtige Heidelberger beim TV Kirrlach mit der Leichtathletik und entdeckte schnell die Wurfdisziplinen für sich. Im Alter von 16 Jahren mischte er im Speerwurf schon in der nationalen Spitze der U18 mit, wurde 2009 U20-Europameister. Leistungssport stand schon damals im Mittelpunkt seines Lebens, inklusive des Traums, es eines Tages bis ganz weit nach oben zu schaffen.

Genauso waren in diesem frühen Stadium aber auch schon Verletzungen häufige Begleiter der Karriere. Besonders schwierig waren die Jahre 2010 bis 2013, in denen er sich unter anderem eine Sehne aus dem Oberschenkel in den lädierten Ellenbogen einsetzen ließ. Der erste 80-Meter-Wurf aus dem Jahr 2012 war der einzige Lichtblick in einer Verletzungsmisere. In dieser Phase verloren Andreas Hofmann, sein Umfeld und auch Bundestrainer Boris Obergföll aber nie den Glauben an die Chance auf den Anschluss an die Weltspitze.

Aufstieg beginnt

2014 begann sich diese Zuversicht auszuzahlen. Mit einem Sieg und Bestleistung in Dessau (83,63 m) empfahl sich der damals 22-Jährige für die Team-EM vor Heimpublikum in Braunschweig. Neben seiner Bestleistung (86,13 m) und Platz eins blieb von dort vor allem sein Kommentar zu seiner Leistung in Erinnerung: „Hammer, fett, Bombe, krass.“

Im Olympiajahr 2016 bremste ihn wieder eine Verletzung aus, so dass der damalige DM-Dritte im Kampf mit der starken nationalen Konkurrenz kein Ticket für Rio de Janeiro (Brasilien) ergattern konnte. In den WM-Jahren 2015 und 2017 konnte er sich dagegen mit zwei Endkampfplatzierungen in der Weltspitze etablieren. Ausführlich hat Andreas Hofmann seinen Werdegang hier für leichtathletik.de in seinen eigenen Worten nachgezeichnet.

Doha ein gutes Pflaster für DLV-Speerwerfer

Für die kommende WM 2019 in Doha (Katar; 28. September bis 6. Oktober) haben die deutschen Speerwerfer beste Aussichten. 2018 übertraf das DLV-Top-Trio – Hofmann, Röhler, Vetter – beim Diamond League-Meeting dort geschlossen die 90 Meter, einmalig in einem Wettkampf der Speerwurfgeschichte. Titelverteidiger Johannes Vetter (LG Offenburg) hat bereits eine Wild Card für die WM. Der zweimalige WM-Vierte Thomas Röhler (LC Jena) will seiner Sammlung endlich fehlendes Edelmetall hinzufügen. In Doha hat der Olympiasieger und Europameister 2017 mit 93,90 Metern seine Bestleistung aufgestellt.

Hinter diesem bärenstarken Trio stehen mit Julian Weber (USC Mainz), dem in diesem Sommer verletzten Lars Hamann (Dresdner SC 1898) und Bernhard Seifert (SC Potsdam) drei weitere Athleten mit Spitzenpotential. Obwohl durch die Wild Card vier statt drei WM-Startplätze zur Verfügung stehen, wird es eine harte Auseinandersetzung um die Tickets geben.

Andreas Hofmann will an seiner Linie und der gewonnenen Lockerheit festhalten. Gelingt es ihm, verletzungsfrei zu bleiben, stehen die Chancen bestens, dass er das dritte Mal in seiner Karriere zu einer WM fährt. Gut möglich, dass sich sein immer freundliches Lächeln auch im kommenden Jahr wieder regelmäßig zu einem breiten Grinsen ausweitet.

Video-Interview nach EM-Silber: Andreas Hofmann: Da ist so viel Last abgefallen“
Video DM-Gold:
Andreas Hofmann entscheidet Weltklasse-Duell für sich
Video Bestleistung in Offenburg: Andreas Hofmann feuert Speer auf 92,06 Meter
Video-Rückblick: Eine Zeitreise in Bildern mit… Andreas Hofmann

Andreas hatte immer die Einstellung: Ich muss trainieren, trainieren, trainieren. Ich habe ihm den Rat gegeben: Lass dir auch mal Pausen. Entspann dich mal ein bisschen. Gibt nicht immer Vollgas, sondern lass deinem Körper auch mal Ruhe und Entspannung. Dieses Jahr haben das er und sein Trainer Lutz Klemm umgesetzt, in Schüben trainiert und belastet. Die Leistungskurve ging so raketenmäßig nach oben.

Andreas hat sich auch technisch verbessert. Bei ihm kommt es darauf an, dass sein Stemmbein gestreckt ist. Wenn das steht, fliegt der Speer immer weit. Wenn er das in den Griff bekommt und mit noch mehr Geschwindigkeit anläuft, kann er auch noch weiter werfen, Richtung deutschen Rekord. Sonst bringt er alles mit: Er hat eine gute Länge, ist stark und explosiv. Im Training ist Andreas zielorientiert, fleißig und hört immer genau hin. Er ist ein Athlet, wie ihn sich jeder Trainer nur wünschen kann. Es macht Spaß mit ihm zu arbeiten.

 

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