Speerwerfer Andreas Hofmann über den perfekten Wurf und die 100-Meter-Marke: „Danach streben wir“

5. Oktober 2019 von Redaktion

von Stefan Döring/ SPORTBUZZER.DE

Deutscher Meister 2018 und 2019, dazu EM-Silber – die vergangenen Monate liefen für Speerwerfer Andreas Hofmann sehr gut. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht er über die Ziele bei der Leichtathletik-WM in Doha, die Stärken der deutschen Athleten – und die ominöse 100-Meter-Marke.

Herr Hofmann, die deutschen Speerwerfer gehören zu den besten der Welt. In dieser Saison ist die Konkurrenz aber größer geworden, die Dominanz ist weg.

Letztes Jahr waren wir Deutschen die Weltspitze. Es ist schwer, Saisons miteinander zu vergleichen. Jeder ist von Jahr zu Jahr anders drauf, versucht seine Gewohnheiten zu durchbrechen und die letzten Prozent herauszukitzeln. Im vergangenen Jahr waren wir so stark, dass uns kaum jemand das Wasser reichen konnte. In diesem Jahr fehlen immer Kleinigkeiten, wir sind aber trotzdem auf einem Weltklasseniveau. Das eigene Niveau erhöht sich, dadurch auch der eigene Anspruch. Es lief bei mir in dieser Saison nicht immer ganz rund, weil auch in ein paar Wettkämpfen mal das Glück gefehlt hat. Manchmal steht man auch mit dem falschen Fuß auf – so ist das. Klar ist: Ich will im Wettkampf ein hohes Niveau schaffen, deshalb muss ich auch im Training ein hohes Niveau haben. Es ist schade, dass ich in den Wettkämpfen nicht immer das abrufen konnte, was ich leisten kann. Körperlich bin ich fit.

Die Saison ist extrem lang. Wie haben Sie diese überbrückt?

Wir haben im Prinzip drei Teile der Saison. Nach dem ersten Drittel mit einigen guten Wettkämpfen hatte ich noch einmal einen Aufbaublock mit richtig intensivem Training gemacht. Das zweite Drittel war abgeschlossen mit der deutschen Meisterschaft. Da war ich tatsächlich eine Woche mit meiner Freundin an der Ostsee im Urlaub und habe richtig abgeschaltet. Und dann haben wir angefangen, uns richtig auf die WM vorzubereiten.

Was bedeutet das?

Es gab noch einen kleinen Aufbau der Muskulatur. Ansonsten ging es aber um ein Feintuning und darum, die Kraft wieder auf das Gerät zu bringen. Ich habe mich darauf fokussiert, technische Kleinigkeiten besser zu machen und das im Training zu festigen. Ich will in Doha schließlich mein volles Potenzial ausschöpfen.

„Wir Athleten unterstützen uns gegenseitig“

Das Trainingslager in Belek wurde abgesagt. Warum?

Es gab keine Direktflüge mehr von Antalya nach Doha. So war ich in meinem gewohnten Umfeld, habe in meinem Stadion trainiert, war bei meiner Familie und meiner Freundin. Das finde ich einfach angenehmer. Außerdem sehe ich es mit den klimatischen Bedingungen nicht so dramatisch. Das Stadion in Doha ist klimatisiert, abends ist es angenehm. Wenn wir bei der Diamond League Doha geworfen haben, war ich bisher immer gut. Wir müssen eher aufpassen, dass wir uns keine Erkältung holen, wenn wir ständig von klimatisierten Räumen rauskommen. Ich ziehe bei solchen Veranstaltungen im Hotel immer lange Sachen an.

Beim Speerwerfen geht es auch um die Thermik. Verändert die sich durch die Klimaanlage im Stadion?

Das wird sich zeigen. Wir müssen uns ohnehin bei jedem Werfen neu auf die Bedingungen einstellen. Ich kann mir vorstellen, dass der Speer besser fliegt, wenn wir höher werfen in Doha, weil wir dann über das Stadiondach kommen.

Fällt es Ihnen leicht, sich auf die Bedingungen einzustellen?

Wir sind nicht allein. Wir Athleten unterstützen uns gegenseitig, und dann hat jeder noch seinen eigenen Trainer plus unseren Bundestrainer dabei. Die beobachten auch die Würfe der Konkurrenz, und dadurch ergibt sich ein gutes Gesamtbild. Es gibt immer ein paar Stellschrauben, an denen man drehen kann. Es geht dann viel über das Gefühl. Je nach Windbedingungen nehme ich andere Speere oder ich stelle die Speere anders an. Bei Rückenwind etwa stelle ich den Speer steil in die Luft, bei Gegenwind flacher. Da muss man immer gucken, wie es gerade im Stadion ist. Und dann hoffe ich, dass ich den Speer so treffe, wie ich mir das vorstelle.

Wie oft passiert das?

(lacht) Im Training werde ich stabiler, was das betrifft. Im Wettkampf erhoffe ich mir selbst etwas mehr Treffsicherheit. Ich habe immer noch ein paar technische Fehler, die sich über die Jahre eingeschlichen haben. Es gibt immer etwas zu verbessern – das ist von Saison zu Saison was anderes. Thomas Röhler sagte mal, dass er nach dem perfekten Wurf sucht. Den wird man nie haben. Aber das Streben danach ist gegeben.

Wer vom perfekten Wurf spricht, spricht auch von den ominösen 100 Metern. Ist diese Weite realistisch?

Für komplett unrealistisch halte ich das nicht, auch wenn noch einige Meter fehlen. Wir fangen jetzt hier gar nicht an, eine Barriere aufzubauen. Wenn wir einen Speer in eine Schussmaschine stellen, fliegt der locker über 100 Meter. Dann ist aber auch alles auf die optimalen Bedingungen eingestellt. Technisch ist es also machbar, wir sind aber keine Maschinen. Bei uns Menschen müsste alles stimmen. Bei dem Wurf von Jan Zelezny auf 98,48 Meter war alles optimal: die äußeren Bedingungen, die Technik, die Form. Er hatte ordentlich Rückenwind und den Wurf optimal getroffen. Nach solch einem Wurf streben wir alle – schließlich haben wir alle die 90 Meter durchaus drin.

Im kommenden Jahr sind die Olympischen Spiele. Thomas Röhler sagte im SPORTBUZZER-Interview, dass er sein Training auch daraufhin ausgerichtet hat. Wie war das bei Ihnen?

Klar, Olympische Spiele sind etwas Besonderes. Daran erfolgreich teilzunehmen ist eine große Sache für mich. Ich fokussiere mich aber von Wettkampf zu Wettkampf und versuche dahingehend die optimale Trainingssteuerung zu finden. In dieser Saison spielten die Olympischen Spiele für mich keine Rolle, eher die Kleinigkeiten, die wichtig für das große Ganze sind. Sobald diese Saison fertig ist, werde ich drei Wochen richtig abschalten, damit der Körper und vor allem der Kopf mal richtig runterkommen. Ich nehme die WM auf dem Weg nach Tokio nicht im Vorbeigehen mit.

Wie leicht fällt das Abschalten – und dann das erneute Fokussieren. Sie haben gesagt, dass Sie nach den deutschen Meisterschaften im Urlaub waren.

Die eine Woche hat mir enorm geholfen. Ich konnte richtig abschalten, war Rad fahren und Fischbrötchen essen und habe mich erholt. Die Woche darauf habe ich nach zwei Tagen gemerkt, dass ich Muskelkater hatte – ohne mit den großen Gewichten zu hantieren. Da war klar: Der Körper ist richtig heruntergefahren. Ich komme aber zügig wieder auf Betriebstemperatur, das weiß auch mein Trainer Lutz Klemm. Mit ihm arbeite ich inzwischen seit 13 Jahren zusammen, und er drückt immer die richtigen Knöpfe. Wenn ich locker drauf bin, dann werfe ich am besten. Das Drumherum muss so stimmen, dass ich die Leistung bringen kann.

Hofmann über WM-Titel: „Kann ganz vorne dabei sein“

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie ganz vorn mitwerfen können?

Nach der Universiade 2017. Ich bin zuvor bei der WM mit 84 Metern Achter geworden, was eine Enttäuschung war. Ich war zwar der beste Achte, den es je gab, aber davon kann ich mir auch nichts kaufen. Ich habe von da aber so viel mitgenommen, dass es 2018 wie am Schnürchen lief. Ich habe diverse Meetings gewonnen, bin deutscher Meister geworden und habe Silber bei der EM geholt. Da wusste ich, dass ich bei den wichtigen Wettkämpfen ganz vorn dabei sein kann.

Auch in Doha?

Hoffen kann ich viel. Die Zuversicht ist aber groß, ich will vorn mitmischen. Mehr sage ich dazu nicht. Wenn ich mein Potenzial, mein Pfund ausreizen kann, dann kann einiges passieren. In den Trainings ging es locker über 85, 86 Meter. Das macht mich sehr zuversichtlich, dass die ganz großen Weiten im Wettkampf fallen können. Mir hat bisher aber der eine Wettkampf gefehlt, in dem ich das zeigen konnte. Warum nicht in Doha?!

Die Erwartungshaltung an das deutsche Team ist riesig, einer kommt meistens durch. Macht es das für Sie einfacher?

Vielleicht für Außenstehende. Aber nicht für mich selbst. Wir verstehen uns alle sehr gut. Im Wettkampf sind wir zwar Konkurrenten, aber wir unterstützen uns gegenseitig. Das pusht die letzten Prozent aus mir heraus. Der Teamgedanke bei uns ist groß, wir sind damit gut zusammengewachsen. Unser Bundestrainer Boris Obergföll hat da einen großen Anteil dran, weil er den Austausch untereinander gefördert hat. Wir sind so stark im Team, weil wir zusammenarbeiten. Es gehört auch bei einer Individualsportart dazu, über den Tellerrand hinauszublicken.

Werden Sie in der Leichtathletik nur positiv als Speerwerfer gesehen, oder gibt es auch Neider?

Ich habe in dieser Hinsicht noch nichts mitbekommen. Es ist vielmehr so, dass wir zum Beispiel von den TV-Regisseuren nicht so ernst genommen werden. Es werden lieber ganze Rennen auf der Bahn gezeigt als der eine oder andere Versuch von beispielsweise uns oder den Hochspringern. Das hängt immer von den Leuten ab, die die Strippen ziehen, wie sehr wir im Fokus stehen. Bei den Wettbewerben achten die Veranstalter oft darauf, dass der Topathlet aus Disziplinen vorgestellt wird.

Wird die Leichtathletik aus Ihrer Sicht richtig wahrgenommen?

Oft geht es erst einmal um die Kohle, dann um den Sport. Das ist schade. Die Leichtathletik ist aber auf einem besseren Weg, sich selbst besser zu vermarkten – auch in den sozialen Medien. Ich kann und will mich da noch mehr präsentieren, um wahrgenommen zu werden – als Person und Leichtathlet. So können wir Sportler den Menschen da draußen zeigen, was wir machen und was hinter unserem Sport steckt. Dann will uns vielleicht auch mal jemand live sehen oder den Sport sogar selbst machen. Aber privat ist privat. Ein Problem ist aber, dass wir kaum Sendezeit bekommen. Die Diamond-League-Wettbewerbe laufen nur im Eurosport-Player, das kostet Geld. Klar, die zahlen viel für die Übertragungsrechte. Aber es müssten große Stellschrauben gedreht werden, damit wir mehr Sendezeit auch im Öffentlich-Rechtlichen bekommen.

Was kann man daran ändern?

Die Idee der Finals ist gut. Warum orientieren wir uns nicht generell am Wintersport? Wenn sich mehrere Verbände zusammenschließen, könnte man ein paar Wochenenden im Sommer ähnlich wie im Winter verschiedene Sportarten mit ihren Weltcups zeigen. Da gibt es sicherlich Potenzial, das noch ausgeschöpft werden kann. Wenn diese Sportarten gezeigt werden, wird das Interesse geweckt. Das war früher doch beim Biathlon ähnlich. Natürlich können die Öffentlich-Rechtlichen nicht nur Sport übertragen. Aber die Waage zwischen Sommer- und Wintersport schlägt aktuell sehr einseitig aus.

Das gilt für alle Sportarten.

Selbst im Fußball klagen sie, dass ihnen Betreuer und der Nachwuchs fehlen. Das ist in Randsportarten noch viel schlimmer. Wenn man Kindern von frühauf zeigt, was es sonst noch für Sportarten gibt, könnten wir in Deutschland alle davon profitieren. Und ich glaube, dass das Fernsehen da mehr in die Hand nehmen kann. Bei Sport1 könnte so viel Sport laufen – doch die haben Dauerwerbesendungen im Programm. Oder nehmen wir die Sport Bild: Wann war zuletzt mal jemand auf dem Cover, der nicht aus dem Fußball stammt? Das ganze Heft besteht zu drei Vierteln aus Fußball. Es geht in Deutschland doch fast immer nur um Fußball – auch in den Medien. Wenn über uns berichtet wird, gucken die Leute auch über den Tellerrand hinaus. Mir kann niemand erzählen, dass man unsere Sportarten nicht mehr in den Fokus rücken kann. Es gibt Mittel und Wege – es muss nur angegangen werden!