Unsere Zeitreise mit… Andreas Hofmann: Mein Weg in die Weltspitze

5. Juni 2018 Redaktion 0 Comments

Leichtathletik.de – Pamela Ruprecht/ Andreas Hofmann

Steigen Sie ein und schnallen Sie sich an. Wir nehmen Sie mit auf eine Zeitreise. Eine Reise, die im Sommer 2008 bei den Deutschen Jugend-Meisterschaften im Berliner Olympiastadion beginnt. Eine Reise, die im Sommer 2018 bei den Europameisterschaften im Berliner Olympiastadion ihren Höhepunkt finden soll. Berlin 2008 – Berlin 2018. Gestern und Heute. Now and then. In dieser Woche ist Ihr Reiseleiter: 90-Meter-Speerwerfer Andreas Hofmann.

 

In der Jugend: Lockerer Typ und U20-Europameister

Jugend-DM 2008 Berlin: Bronze in der B-Jugend mit knapp 70 Metern

Ich war richtig stark in die Saison gestartet und habe beim ersten Wettkampf in Neckarsulm mit 67,50 Metern badischen Rekord geworfen. Während der Saison lief es dann eigentlich überhaupt nicht mehr gut, weil ich mir einen Haarriss am Mittelfuß zugezogen hatte. Ich habe in dem Sommer bestimmt zehn Rollen Tape verbraucht, um mir den Fuß zu tapen. Aber in Berlin lief schon das Aufwärmen mit einem Wurf aus kurzem Anlauf auf 70 Meter erstaunlich gut. Im Wettkampf habe ich dann 69,62 Meter geworfen. Was mich geärgert hat: Florian Janischek hat mich mit seinem letzten Versuch noch knapp überholt und durfte somit zum Jugend-Länderkampf nach Polen und ich nicht. Das halte ich ihm heute noch vor (lacht). Danach bin ich noch Süddeutscher Meister geworden und habe beim Ländervergleichskampf aus drei Schritten 74,15 Meter geworfen. Da sind allen die Augen rausgefallen, wie man aus drei Schritten nur so weit werfen kann. Da lief es rund.

U20-EM 2009 Novi Sad: Nach erfolgreichem Protest als Jüngster im Feld Europameister

Meine Eltern und mein Trainer Lutz Klemm waren in Novi Sad dabei und haben mich angefeuert. In der Nacht vor der Quali hatte ich Magen-Darm-Probleme und saß wie ein Häuflein Elend beim Frühstück. Mit Keksen, Banane und Tee habe ich mich tagsüber wieder aufgepäppelt und mich sogar nur mit einer Wasserflasche warmgeworfen. In der Quali lief’s dann gar nicht schlecht, ich habe im ersten Versuch gleich die Quali-Norm geschafft. Der Wurf wurde aber zuerst ungültig gegeben, weil ich zu früh den vorderen Sektor verlassen haben soll. Da bin ich auf die Barrikaden gegangen. Wir haben gleich Protest eingelegt, mit Erfolg: Es handelte sich nur um einen Übersetzungsfehler, wie sich herausstellte. Es gab ein lustiges Bild davon, wie sich eine ganze Menschentraube mit Offiziellen und Kampfrichtern um mich gebildet hat, die alle kleiner waren als ich, da ich damals schon 1,92 Meter groß war. Zwei Tage später im Finale war ich wieder fit und habe mit 75,89 Metern – die Zahl habe ich noch im Kopf – den Europameister-Titel geholt. Als jüngster Teilnehmer im Feld!

Jugend-DM 2009 Rhede: Gold in der A-Jugend mit einem Zentimeter Vorsprung

Mit Till Wöschler war das bei der Jugend-DM in Rhede ein enger Kampf. Ich kann mich noch genau an seinen letzten Wurf erinnern: Ich habe gesehen, dass sein Speer ungefähr genauso weit geflogen ist wie mein bester Versuch. Till hat auf die Anzeigetafel geschaut und sich schon über den Titel gefreut. Zu früh. Als ich ihm sagte, dass ich 74,72 Meter geworfen habe, sagte er: ‚Das kann nicht sein, ein Zentimeter weiter als ich!‘ Er war wirklich geknickt (lacht).

Ich war damals ein lockerer Typ, Sport stand bei mir an erster Stelle. Zuerst kam Sport, dann kam Schule (lacht). Natürlich habe ich meine Sachen gelernt und war auch nicht so schlecht, aber ich war einfach schon immer fokussiert darauf, Richtung Leistungssport zu gehen. Ich hatte immer schon das Ziel vor Augen, auch einmal bei den Großen mitzuwerfen. Dafür wollte ich mich in der Jugend schon profilieren.

Aufstieg bei den Aktiven: Trotz Rückschlägen nie den Glauben verloren

Der erste 80-Meter-Wurf 2012: Inmitten einer vierjährigen Verletzungsmisere

2010 lief es einfach nicht. Ich weiß nicht, was genau los war. Im Winter hatte ich während der Vorbereitung erneut einen Haarriss, im Sommer dann Leistenprobleme, wo ich auch zweimal operiert wurde. Mit meiner Bestleistung von 77,84 Metern aus dem Vorjahr war ich nur einen Meter vom deutschen Jugend-Rekord von Matthias de Zordo entfernt und alle dachten, dass ich nach dem U20-EM-Titel auch U20-Weltmeister werde. Vielleicht waren die Erwartungen, die an mich als Jugendlicher herangetragen wurden, damals zu hoch für mich, vielleicht waren es die Verletzungen. Das Jahr 2011 war dann nach einer Schulter-OP mit Schleimbeutel-Entfernung gelaufen, ich hatte aber zum Glück noch die Bundeskader-Norm geworfen. Ein großer Unterstützer war schon immer unser Bundestrainer Boris Obergföll, damals noch mit dem Namen Henry, der sich für mich einsetzte.

Ein Jahr später schaffte ich 2012 meinen ersten 80-Meter-Wurf, da fiel eine große Last von mir. Danach bekam ich aber Ellbogen-Probleme und ein neues Innenband. Daran habe ich 2013 noch laboriert, bevor es besser wurde. Den Glauben an mich habe ich während all der Zeit nie verloren. Das lag auch an meinem Umfeld, vor allem an meinem Trainer und meinen Eltern. Natürlich war es für meinen Trainer nicht leicht: Ich glaube, er ist manchmal daran verzweifelt, dass er das Training wegen meinen Verletzungen ständig umstellen musste. Er hat sich aber immer wieder etwas Neues einfallen lassen, damit wir trotzdem weiter trainieren konnten.

Durchbruch: Team-Europameister 2014 – #hammerfettbombekrass

Die Team-Europameisterschaft war der große Schritt in die Weltspitze. Das Finale war mein Durchbruch. In Dessau hatte sich vorher mit den 83,63 Metern schon angedeutet, was in mir steckt. Dass ich dann zwei Wochen später in Braunschweig noch fast drei Meter drauflegen konnte, das war natürlich zu dem damaligen Zeitpunkt die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Ich war vor dem Wettkampf ganz locker drauf, obwohl es mein erster großer internationaler Wettkampf war. Ich war sonntags dran und konnte mir samstags die anderen Disziplinen noch gemütlich im Fernsehen anschauen. Ich bin voller Motivation ins Stadion gefahren, meine Eltern und mein Trainer waren da, das war richtig cool. Trotz der schweren Windbedingungen ist der Speer im ersten Versuch auf über 86 Meter geflogen. Ich war natürlich überglücklich über das Ergebnis, auch weil ich die vollen zwölf Punkte zum Gesamtsieg der Team-EM beigesteuert habe. Das war ein unbeschreibliches Erlebnis. Einfach ‚Hammer, fett, Bombe, krass‘, wie ich den Reportern sagte.

Die erste WM-Teilnahme 2015: Bestleistung in der Quali und im Finale Platz sechs

Die Saison 2015 ist nicht so ideal verlaufen: Ich bin der WM-Norm ein bisschen hinterhergerannt und bei den Deutschen Meisterschaften lief es als Vierter auch gar nicht gut. Aber aufgrund des Diamond League-Sieges von Thomas [Röhler] hatten wir vier WM-Startplätze und so habe ich meine Chance bekommen. Ich konnte mich dann bei der WM in Peking gegen Lars Hamann und Jojo [Johannes Vetter] durchsetzen und bin Sechster geworden. In der Quali habe ich sogar Bestleistung geworfen und im Finale auch nochmal über 86 Meter. Mit der Leistung war ich super zufrieden und auch der Platz war top. Der Wettkampf war wieder ‚Hammer, fett, Bombe, krass‘, und diesen Interview-Ausschnitt des ZDF hat Stefan Raab bei TV Total gebracht (lacht).

Im anschließenden Olympiajahr lief es überhaupt nicht. Anfang 2016 hatte ich auch wieder einen Muskelfaserriss im Beuger, zum vierten Mal innerhalb eines Jahres. Ich habe im Sommer kaum über 80 Meter geworfen und wusste selbst nicht genau, was los war. Am Ende des Nominierungszeitraumes für Rio war ich geknickt.

Entscheidende Schritte zum absoluten Weltklasse-Werfer

Der erste 90-Meter-Wurf 2017 mit Trainer-Ansage in Taiwan

2017 lief es besser, ich habe mich für die WM qualifiziert und mich darauf in Kienbaum vorbereitet. Dort  habe ich hinsichtlich der Umfänge und Würfe zu viel gemacht, so dass ich in London etwas platt war und mir die Schnelligkeit gefehlt hat. In der Quali habe ich mit 85 Metern gezeigt, dass man wieder mit mir rechnen kann. Ich war schon fit, aber nicht zu 100 Prozent. Im Finale wurden es 84 Meter – damit gewinnt man keinen Blumentopf. Platz acht war zwar okay, aber mit der Weite war ich nicht zufrieden, da ich die Saison mit 88,79 Metern begonnen hatte und als Dritter der Welt nach London gekommen war.

Zwischen der WM und der Universiade waren nur ein paar Tage Zeit und ich habe kaum trainiert. In Taipeh angekommen habe ich nur einen Auftakt und zwei Wurfeinheiten gemacht. In der zweiten Einheit habe ich den Speer aus kurzem Anlauf auf 85 Meter gezogen. Da dachte ich mir, da kann was gehen. Der für die Werfer zuständige Uni-Trainer Winfried Heinicke hatte das richtige Händchen, uns Athleten zu motivieren. Wir kannten uns davor persönlich nicht. Ich weiß nur, dass er 2008 bei der Jugend-DM in Berlin derjenige war, der mich als Ersatzmann für den Länderkampf auf den Zettel geschrieben hatte.

Im Universiade-Finale hatte ich das Glück, dass zwei Taiwanesen im Wettbewerb waren und die Stimmung bombastisch war. Wir haben uns gegenseitig hoch gepusht. Ich hatte schon 88,33 Meter stehen und dann kam Winfried vor dem letzten Versuch vorbei und sagte: ‚Andy, mach genau das gleiche und setze den Speer drei Grad tiefer und du wirst sehen, du wirst heute zum ersten Mal über 90 Meter werfen.‘ Und ich habe gesagt, ‚okay, mache ich‘, gesagt getan: 91,07 Meter! Dass Chao Tsun Cheng vor mir 91,36 Meter raushaut, das hatte ich natürlich nicht erwartet. Ich war in Zugzwang. Aber der zweite Rang war damals Gold wert, das war unfassbar.

Road to Berlin 2018: Meetingrekord in Rehlingen, Bestleistung in Offenburg

Die Bestleistung von Rehlingen bedeutet mir mehr als der Meetingrekord. Denn Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden. Irgendwann kommt jemand und wirft in Rehlingen weiter als meine 91,44 Meter. Aber der Stadionrekord ist deshalb wichtig für mich, weil vorher alle mit Jojo gerechnet hatten. Er stand als Weltmeister vor dem Meeting im Rampenlicht, war am Vorabend auf der Bühne und wurde wegen des Stadionrekordes unseres Bundestrainers befragt. Ich saß im Publikum, habe zugehört und hatte gar keinen Druck. Im Einwerfen ging es bis auf 86 Meter, da dachte ich mir schon, dass eine hohe 80er-Weite drin ist. Dass gleich im ersten Versuch, ein 91-Meter-Wurf rauskommt, hatte ich nicht erwartet.

Vor dem Speerwurf-Meeting in Offenburg haben wir dann noch etwas den Anlauf verfeinert. Ich habe den Anlauf um ein paar Füße verlängert, so dass ich vorne noch mehr auf Geschwindigkeit gehen und die Schritte länger setzen kann. Das ist mir sehr gut gelungen. Daher auch die gute Serie. Ich bin mit den 92,06 Metern sehr zufrieden und optimistisch für die nächsten Wettkämpfe.

Drei Wettkämpfe über 90 Meter: „Ich surfe auf dieser Welle“

Mittlerweile kann ich mich besser auf den Moment fokussieren und auch technische Dinge besser reflektieren. In dieser Hinsicht bin ich im Vergleich zum letzten Jahr, wo ich physisch auch gut in Form war, die Konstanz aber gefehlt hat, feinfühliger geworden. Ich bin gereifter und ausgeglichener. Ich surfe auf dieser Welle mit. Ich gehe ruhiger und konzentrierter an die Sache ran und bin dennoch positiv aggressiv. Natürlich habe ich vor dem Wettkampf noch diese Flugzeuge im Bauch, ohne Adrenalin geht es auch nicht.

Johannes meinte auf der Bühne in Rehlingen: ‚Thomas ist Olympiasieger, ich bin Weltmeister und Andy wird jetzt vielleicht Europameister.‘ Jeder von uns kann auf den Punkt topfit sein und über 90 Meter und weiter werfen. Das Speerwurf-Finale wird in Berlin der beste Wettkampf werden. Wir verstehen uns alle super und kennen uns schon sehr lange. Klar sind wir im Wettkampf Konkurrenten, aber wir geben uns auch Tipps, wenn es beim anderen nicht läuft. Wer am weitesten wirft, der gewinnt.

 

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